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Kindliche Entwicklung unterstützen: Praxistipp „Entwicklungsstern“

Gastbeitrag: Gabriele Dahle

Vor einigen Jahren haben wir mit pragma zwei sehr schöne Fachtagungen für den Caritasverband für die Diözese Münster vorbereiten dürfen (danke noch einmal an die Fortbildungsreferentin Andrea Kapusta für das Vertrauen und die bereichernde Zusammenarbeit!) zum Thema „Übergang Kita – Grundschule“. Es gab viele interessante Workshops und Praxisbeispiele, die uns (und den Teilnehmer/innen hoffentlich auch) Anregung und Inspiration für die eigene Arbeit gegeben haben. Eine bei beiden Tagungen vorgestellte Methode geben wir bei unseren Fortbildungen nach wie vor gern weiter, weil es aus unserer Sicht eine wirklich gute Hilfe in der Kita-Praxis ist: der Entwicklungsstern.

Wir verdanken ihn dem Psychologen Fridolin Sickinger, der ihn in Bremen in der Praxis und für die Praxis entwickelt und verbreitet hat. Der Stern erweist sich als Methode, um Kinder zu unterstützen und motivieren, ihre eigenen Entwicklungsziele zu finden und zu verfolgen: individuell, selbstgesteuert und in Begleitung eines zugewandten Erwachsenen. Weil wir finden, dass der „Entwicklungsstern“ ein sehr gutes Werkzeug für die Praxis ist, möchten wir hier vorstellen, wie er funktioniert. Er eignet sich für Kinder ab Vorschulalter.

Die Idee des Entwicklungssterns beruht auf dem Wissen darüber, wie Kinder lernen: Ganz kleine Kinder lernen intuitiv, das heißt, Lernimpulse kommen aus ihnen selbst heraus. (Niemand muss ihnen sagen, dass sie das Krabbeln oder das Sich-Aufrichten versuchen sollen - sie tun es von allein, wenn es an der Zeit ist). Später aber-  etwa ab 5 Jahren – beginnt eine neue Lernphase: Nun müssen Kinder das Lernen lernen, wenn die weitere Entwicklung gelingen soll. Sie müssen eine aktive Rolle beim Lernen einnehmen, lernen wollen und wissen wie das gehen könnte. Der Entwicklungsstern hilft hierbei: sich selbst einzuschätzen, Ziele zu finden, Schritte zum Ziel zu suchen… ausgehend von der Selbstvergewisserung, „was ich schon kann“!

Pädagogische Grundvoraussetzung für die Arbeit mit dem Entwicklungsstern ist, dass der/die erwachsene Begleiter/in sich in ein ehrliches, interessiertes Gespräch mit dem Kind begibt. Der Entwicklungsstern ist keine verkappte Methode, den kindlichen Entwicklungsstand zu „testen“ oder dem Kind „unterzujubeln“, welche Entwicklungsschritte die Erwachsenen von ihm erwarten – er ist eine Hilfe für das Kind, im Gespräch seine eigene Entwicklung zu reflektieren.

Nötig sind ein Blatt Papier und ein Stift. Ausgangspunkt ist ein Kreis in der Mitte des Blattes:

Das Erstellen des Sterns erfolgt nun in drei Schritten, die mit drei Fragen eingeleitet werden:

Frage 1: Was glaubst du, muss man in der Kita alles können?

Diese Frage liefert die Grundlage dafür, mit dem Kind über seine Vorstellungen zu sprechen. DAS KIND gibt die Fähigkeiten und Anforderungen vor, die ihm bedeutsam erscheinen – nicht der Erwachsene. Dies ist die Ausgangsfrage, um ehrlich und ernsthaft in den Dialog mit dem Kind zu gehen.

Für jedes Thema, „was man in der Kita können muss“, bekommt der Kreis einen Zacken angezeichnet, so dass nach und nach ein Stern entsteht. Zu jedem Zacken wird ein Symbol gezeichnet, das verdeutlichen soll, worum es hier geht. Das kann in der Kita beispielsweise sein:

·         Man muss im Stuhlkreis stillsitzen können

·         Man muss sich morgens von der Mama verabschieden können

·         Man muss spielen können

·         Man muss nach dem Spielen aufräumen können

·         Man muss Freunde finden können

·         Man muss darauf hören können, was die Erzieherin sagt

·         Man muss zur Toilette gehen können

·         Man muss sich nach dem Streiten wieder vertragen können

·         …

Sind alle (für den Moment) notwendigen Zacken eingezeichnet, kommt das Nachdenken über den eigenen Standort in Bezug auf all die Fähigkeiten, die in der Kita wichtig sind:

Frage 2: Was meinst du, wie gut du … schon kannst?

Diese Frage gilt jedem einzelnen „Zacken“, und das Kind malt jeden Zacken so weit aus, wie es seinen eigenen Entwicklungsstand einschätzt.

Dies ist der (für den Moment) fertige Entwicklungsstern eines 5jährigen Kindes:

Fridolin Sickinger beschreibt die große Ernsthaftigkeit, mit der die Kinder über ihre Vorstellungen sprechen. Der Stern ist ein freundliches, positives Symbol; und die ganze Methode ist freundlich und positiv, weil sie in den Blick nimmt, was das Kind schon kann – nicht etwaige Defizite.

Mit dem Stern hat das Kind seinen Entwicklungsstand aus der eigenen Perspektive dokumentiert. Davon ausgehend kann es darüber nachdenken, wo es hinwill, was es als Nächstes lernen will:

Frage 3: Wenn du eine Zacke aussuchen könntest, die über Nacht größer wäre: Welche würdest du wählen?

Das ist die Frage nach den eigenen Lernzielen. Wenn sich das Kind für eine Zacke – also ein Lernthema – entschieden hat, malt es diese Zacke mit einem andersfarbigen Stift aus. In der Abbildung ist das die Zacke mit dem winkenden Kind: Das Kind möchte es schaffen, sich leichter am Morgen von der Mama zu verabschieden.

Der Entwicklungsstern ist eine sehr intensive Methode, mit Kindern ab etwa fünf Jahren die notwendigen Selbstregulationsfähigkeiten für Lernprozesse zu üben; auch für die Begleitung des Übergangs von der Kita in die Schule ist es ein sehr geeignetes Werkzeug – wie gesagt, in Bremen vielfach erprobt und bewährt. Uns hat der Stern so gut gefallen, dass wir seine Idee sehr gern weitergeben möchten.

Die Methode eignet sich übrigens nicht nur für Kinder: Man kann sie auch (für sich allein) sehr gut zur Selbstreflexion nutzen oder im Team zum gemeinsamen Nachdenken darüber, an welchen  Stellen die eigene Kita gut aufgestellt ist, wo noch „Luft in der Zacke“ ist, und welches „Zacken-Thema“ man als Nächstes anpacken möchte….

Das Bild zeigt Fridolin Sickinger bei der Fortbildung in Münster 2014. Über das kindliche Lernen und die Entwicklungsstern-Methode findet man von Fridolin Sickinger auch zwei Artikel im Netz:

https://bildung-brandenburg.de/transkigs/fileadmin/user/redakteur/Bremen/forumII_bildungskonzept_06.pdf
https://bildung-brandenburg.de/transkigs/fileadmin/user/redakteur/Bremen/forumII_bildungskonzept_06.pdf  und http://www.taz.de/!5098077/http://www.taz.de/!5098077/

 Autorin: Gabriele Dahle

Autorin und Dozentin mit Schwerpunkt kindliches Lernen, forschendes Lernen bei Kindern und Entwicklung mathematischen Denkens. Mitarbeiterin der pragma gmbh: www.pragma-kita.de


Themen: Pädagogische Themen, Berichte aus der Praxis